Psychotherapie - Heilkunst für die Seele Überschrift

Ein Interview mit Prof. Dr. Franz Ruppert von Petra Neumayer. Die Psychotherapie gibt es ebenso wenig wie die Medizin. Vielmehr existieren verschiedene psychotherapeutische Verfahren, die auf unterschiedlichen Theorien basieren und mit einer Vielfalt von Methoden und Techniken arbeiten.

Connection Spirit wollte mehr darüber erfahren, wie die Seele geheilt wird und besuchte Herrn Prof. Dr. Ruppert zu einem Gespräch in der Katholischen Stiftungs-Fachhochschule in München.

Petra Neumayer: Heutzutage gibt es mehr als 200 Verfahren, die den Anspruch erheben, Psychotherapie zu sein und seelische Leiden zu heilen. Haben all diese Verfahren ihre Berechtigung?

Franz Ruppert: Im Prinzip ja, weil das seelische Geschehen sehr komplex ist. Es gibt die körperlichen, die emotionalen, die kognitiven, und die Beziehungs- und Bindungsprozesse. Wir Menschen sind komplizierte Wesen und vielschichtig strukturiert. Insofern versucht jede Therapieform an einem bestimmten Teil von diesem komplexen menschlichen Wesen etwas zu verändern. Grundsätzlich stellt sich aber die Frage, ob man an den Ursachen oder den Folgen einer seelischen Problematik ansetzt. Danach beurteile ich Therapieverfahren: Inwieweit beziehen sie sich auf die Ursachen, oder befassen sie sich eher mit der Oberfläche, also den Auswirkungen der Ursachen? Es ist wesentlich effektiver an den Ursachen anzusetzen. Sonst ist es wie in der Schulmedizin: Bei Kopfschmerzen schaut man nur das Symptom an, verabreicht Schmerztabletten und die eigentliche Ursache bleibt unerkannt und wirkt fort.

Petra Neumayer: Wollen sich die Menschen denn überhaupt die Ursachen ansehen?

Franz Ruppert: Ja und Nein. Manche möchten aus Angst, ein Fass zu öffnen, dessen Deckel sie nicht mehr zu bekommen, die Ursachen ihrer seelischen Probleme gar nicht sehen. Sie möchten sich nur mit ihren Symptomen beschäftigen und wie man sie möglichst schnell und effektiv unterdrücken kann. Andere hingegen suchen nach den Ursachen und häufig sogar ganz verzweifelt, aber oft an der falschen Stelle.

Petra Neumayer: Welche Beurteilungskriterien gibt es noch für Psychotherapien?

Franz Ruppert: Eine Therapie muss vom Erfolg her beurteilt werden: Ist eine Therapieform in der Lage, panische Ängste, Depressionen, schwere Persönlichkeitsstörungen oder eine Schizophrenie wirklich zu heilen? Oder ist das Therapieangebot nur etwas, was ein wenig lindert und Krisenphasen überbrücken hilft. In letzterem Fall bleibt immer die Gefahr bestehen, dass die Symptome in der nächsten Stresssituation wieder aufflammen.
Petra Neumayer: Gibt es einen Nenner, der den vielen psychotherapeutischen Verfahren gemeinsam ist?

Franz Ruppert: Vielleicht ist es der Versuch, Menschen in ihrer Entwicklung weiterzuhelfen, wenn sie einsehen, dass sie alleine nicht mehr weiterkommen.

Petra Neumayer: Was bedeutet es Ihrer Ansicht nach, die Seele zu heilen? Wie funktioniert das?

Franz Ruppert: Ich gehe davon aus, dass unsere Seele in der Lage ist, sich weitgehend anzupassen und zu wachsen. Dieser Entwicklungsprozess wird in der Regel nur durch massive Überforderungssituationen gestört, die man als »Traumata« bezeichnet. Durch diese traumatischen Erlebnisse wird die Seele in ihrer Funktionsfähigkeit so weit eingeschränkt, dass sie sich nicht mehr flexibel anpassen kann, sondern neurotisch Verhaltensmuster wiederholt und an ihnen festhält. Dadurch entsteht die Vielzahl an psychischen Krankheitssymptomen. Heilung bedeutet hier, diese Symptombildungsvorgänge bewusst zu machen und sie auf ihre Ursachen zurückzuführen. Dann können neue emotionale Verarbeitungsprozesse gefunden werden.

Petra Neumayer: Das heißt, die Seele ist nur krank, wenn sie ein Trauma erfahren hat? Franz Ruppert: Die traumabedingte Spaltung der Persönlichkeitsstruktur ist es, worum es nach meiner langjährigen Erfahrung als Psychotherapeut eigentlich geht: Alleine, ohne fachkundige Hilfe kommt man aus einer solchen Spaltung nicht wieder heraus.

Petra Neumayer: Stress oder Trauma macht das einen Unterschied?

Franz Ruppert: Ja, Stress ist etwas ganz anderes als Trauma. Wenn ich in einer Stresssituation bin, dann kann ich Urlaub machen und mich vom Stress erholen. Aber bei einem Trauma da können Sie jahrelang in den Urlaub fahren; alleine werden Sie da nicht weiter kommen, weil die Spaltung das verhindert. Man ist ja dann sozusagen doppelt existent als zwei Persönlichkeiten; wer übernimmt dann die Führung? Das eine Ich will sich weiterentwickeln und will das andere als lästiges Übel loswerden, dieses andere Ich aber klammert sich aus Angst vor einer erneuten Traumaerfahrung an seine Minimalstrategie des Überlebens. Hier braucht man eine dritte Person, über die der Heilungsprozess laufen kann.

Petra Neumayer: Seit den 70er Jahren haben sich die systemischen Psychotherapien etabliert, man könnte fast von einem Boom sprechen. Woran liegt das?

Franz Ruppert: Vorher hatten wir die Ära der »Persönlichkeitspsychologie«. Man wollte herausfinden, wie die Menschen in ihrem Wesen so sind. Da wurden z.B. von Fritz Riemann die »Grundformen der Angst« beschrieben und es gab andere Charakterlehren. Die Systemiker hingegen sagen, es kommt nicht so sehr auf deine Persönlichkeitsstruktur an, sondern in welchem System du ein Teil des Ganzen bist. Dieses neue Denken hat auch gesellschaftspolitische Wurzeln. Man weist dem Einzelnen nicht mehr die alleinige Schuld an seinem Scheitern zu, sondern erkennt, dass »das System« gesund oder krank macht.

Petra Neumayer: Die Klassische Psychoanalyse hat also jetzt erst mal ausgedient?

Franz Ruppert: Ja und Nein. Manches aus der Freudschen Psychoanalyse ist erhaltenswert, z.B. die Erkenntnisse über die Abwehrmechanismen und das Wissen um die sog. Übertragungsprozesse zwischen dem Patienten und dem Therapeuten. Durch die Erkenntnisse der modernen Trauma- und Gehirnforschung werden die klassischen Konzepte der Psychoanalyse allerdings immer mehr in Frage gestellt.

Petra Neumayer: Wenn wir über systemische Psychotherapien sprechen, fällt bei Ihnen selten der Name Hellinger. Warum?

Franz Ruppert: Es ist Bert Hellingers Verdienst, das Familienstellen in weiten Kreisen bekannt gemacht zu haben. Ich versuche das Familienstellen als eine eigenständige Therapiemethode ein Stück weit von der Person Hellingers zu trennen. Denn die Aufstellungsmethode ist ja nicht an seine Person gebunden. Jeder, der sie anwendet, setzt sie als Person selbstverantwortlich ein. Daher muss man das, wie bei allen anderen Therapieverfahren auch, unterscheiden: die Therapiemethode, die damit verbundene Theorie oder Philosophie und den Therapeuten mit seinen Stärken und Schwächen.

Petra Neumayer: Sie haben in den letzten zehn Jahren eine eigene Therapiemethode entwickelt. Was ist das Neue daran?

Franz Ruppert: Bestehende systemische Psychotherapieformen fokussieren sehr stark die Kommunikation und die damit verbundenen Beziehungskonflikte. Mein Ansatz ist im Unterschied dazu, auf die Bindungsstörungen zu blicken, in erster Linie auf einen gestörten emotionalen Austausch in der frühen Mutter-Kind-Bindung.Auch stelle ich die seelischen Traumatisierungen in den Mittelpunkt. Das betrifft Ereignisse, die so dramatisch sind, dass Menschen sie nur überleben, wenn sie ihre Emotionen weitestgehend unterdrücken und ihre seelische Struktur aufspalten wie etwa bei lebensbedrohlichen Unfällen, Gewalterfahrungen, dem plötzlichen Tod naher Angehöriger, sexuellem Missbrauch, Mord in einem Familiensystem usw. Meine bevorzugte Methode der Diagnose und Therapie ist dabei die Aufstellung geworden. Mit Hilfe menschlicher Stellvertreter gelingt es, die seelische Struktur eines Patienten in einer Deutlichkeit widerzuspiegeln, die meines Erachtens durch kaum ein anderes diagnostisches Verfahren erreichbar ist.

Petra Neumayer: Wie kann eine Traumatisierung innerhalb eines Familiensystems übertragen werden?

Franz Ruppert: Über den emotionalen Austausch. Wenn ein Kind in die Augen seiner Mutter schaut, wenn es von ihr berührt wird, wenn es ihre Stimme hört, sieht, fühlt und hört es alles, und es nimmt alles wahr; die Liebe der Mutter, aber auch ihre Traumagefühle. Es kann nicht sagen, das Gute nehme ich und das Schlechte nicht. Nein, ein Kind nimmt alles, auch eine mögliche Traumatisierung seiner Eltern in seine eigene Seele auf. Denn die Seele seiner Eltern ist sein emotionales Startkapital. Auf diesem Startkapital kann von vorneherein eine schwere Hypothek lasten, vor allem, wenn die Mutter eigene Traumaerfahrungen erlitten hat.

Petra Neumayer: Gibt es dazu auch Erkenntnisse aus der Gehirnforschung?

Franz Ruppert: Wir Menschen verfügen über einen eigenen Wahrnehmungssinn für Beziehungen. Die vom italienischen Physiologen Giacomo Rizzolatti entdeckten »Spiegelneuronen« sind mit hoher Wahrscheinlichkeit die Träger unseres Beziehungssinns. Die menschliche Seele ist demnach die Widerspiegelung anderer Menschen in einem Menschen. Deshalb bleiben sogar noch die schon Gestorbenen Bestandteil der menschlichen Seele. Sie erfasst nach meinen Erfahrungen immer mindestens drei bis vier Generationen, die dann auch in der therapeutischen Arbeit mit der Seele berücksichtigt werden müssen.

Petra Neumayer: Herr Ruppert, ich danke Ihnen für dieses Gespräch!